Kreisrunder Haarausfall: Schwerbehinderung bei totalem Haarverlust?

Juli 22, 2014 at 1:01 pm 2 Kommentare

Die Frage, ob man den teilweisen oder totalen Verlust von Haaren als Behinderung auffaßt oder nicht, kann nur individuell beantwortet werden.
Berücksichtigt man jedoch die Tatsache, dass aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen insbesondere Frauen und Kinder, aber auch viele Männer den psychischen Belastungen aufgrund ihres Haarausfalls kaum gewachsen sind, so muss in schweren Fällen durchaus von einer Behinderung gesprochen werden.

Wenn einer Frau beim Arbeitsamt geraten wird, keine Tücher, sondern Perücken zu tragen, um ihre Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz zu verbessern, wenn man im ganz normalen Alltagsleben auf gewisse Dinge wie Sauna oder Sport verzichtet aus Angst, die Kopfbedeckung zu verlieren und sich dem Gespött der Mitmenschen auszusetzen, dann muss von einer Behinderung im Sinne des Gesetzgebers gesprochen werden. Im Paragraph 3 des Schwerbehindertengesetzes (SchwbG) spricht man im Absatz 1 von

„Behinderung im Sinne dieses Gesetzes ist die Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden Funktionsbeeinträchtigung, die auf einem regelwidrigen körperlichen, geistigen oder seeli-schen Zustand beruht. Regelwidrig ist der Zustand, der von dem für das Lebensalter typischen abweicht. Als nicht nur vorübergehend gilt ein Zeitraum von mehr als sechs Monaten. (…)“

Da der Gesetzgeber die Eingliederung behinderter Menschen als eine besondere gesellschaftliche Aufgabe betrachtet, versucht er mit diesem Gesetz die Nachteile auszugleichen, die diesen Personen aufgrund ihrer Behinderung entstehen. Heinz-Günther Roeder, ehem. Schwerbehindertenvertreter der Stadtverwaltung Krefeld schrieb hierzu in der Ankündigung eines seiner Vorträge:

„(…) Einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration leisten die Nachteilsausgleiche in Gestalt besonderer Schutzrecht- und Leistungsansprüche. Sie haben den Zweck, behinderungsbedingte berufliche, wirtschaftliche und soziale Nachteile auszugleichen und die Forderungen des Schwerbehindertengesetzes auf Eingliederung in Arbeit, Beruf und Gesellschaft dauerhaft zu sichern. (…)“

Wer also in irgendeiner Form behindert ist, kann eine Reihe von Rechten in Anspruch nehmen. Diese Rechte reichen vom Grundgesetz über das Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft (SchwbG) bis in die Regelungen des Sozialrechtes hinein.

Wer glaubt, dass bei ihm eine Behinderung vorliegt, muß dies beantragen. Dies geschieht durch ein formloses Schreiben. Der Satz „hiermit beantrage ich die Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft“ genügt. Die Anträge für das jeweilige Bundesland kann man dem folgenden Link entnehmen:
VERSORGUNGSÄMTER

Bescheinigt wird eine Behinderung durch den Schwerbehindertenausweis, auf dem der Grad der Behinderung und weitere gesundheitliche Merkmale verzeichnet sind, jedoch nicht der Grund der Behinderung.

Bei den Verfahren nach dem Schwerbehindertengesetz (SchwbG) wurde der Begriff der „Minderung der Erwerbsfä-higkeit“ durch „Grad der Behinderung“ ersetzt. Damit wollte man der Tatsache Rechnung tragen, daß im Schwerbehindertenbereich oftmals eine individualisierende, arbeitsmarktbezogene Beurteilung nicht möglich ist. Der Begriff der MdE hatte hier zu Mißverständnissen geführt und wurde deswegen aufgegeben. Jedoch beruht die Einschätzung des GdB meist weiterhin auf denselben Maßstäben wie die der MdE.

Im Gegensatz zur gesetzlichen Unfallversicherung beziehen sich der GdB nach dem SchwbG und die MdE nach dem Bundesversorgungsgesetz nicht nur auf Einschränkungen im Erwerbsleben, sondern berücksichtigen auch Einbußen im übrigen, „täglichen“ Lebensbereich. Der Arzt wird nach aller Erfahrung auch die Besonderheiten der jeweiligen Anspruchsberechtigungen in seine Beurteilung mit einfließen lassen.

Im Schwerbehindertenrecht sind Behinderungen nicht nur festzustellen, sondern auch zu beurteilen. Außergewöhnliche seelische Begleiterscheinungen müssen bei der Festsetzung der MdE und des GdB berücksichtigt werden und führen gegebenenfalls zur Erhöhung des sonst üblichen Wertes.

In der MdE-Tabelle findet man den Begriff „Haarausfall“ unter dem Punkt Haut. Im Einleitungstext kann man folgende Formulierung lesen:

„Bei Entstellungen ist zu berücksichtigen, daß sich Schwie-rigkeiten im Erwerbsleben, Unannehmlichkeiten im Verkehr mit fremden Menschen sowie seelische Konflikte ergeben können. Besonders gilt dies bei der Entstellung des Gesichts. Bei Frauen können Entstellungen schwerer wiegen als bei Männern.“

Wenn mehrere Behinderungen vorliegen, muß eine Gesamt-MdE angegeben werden, die aber nur dann ermittelt werden kann, wenn alle – auch nichtdermatologischen – Fachgutachten vorliegen. Wobei die Auswirkungen der einzelnen Behinderungen in ihrer Gesamtheit und unter Berücksichtigung ihrer wechselseitigen Beziehungen zu bewerten sind, da sie eventuell auch sehr verschiedene Bereiche des täglichen Lebens betreffen und sich in ihren Auswirkungen überschneiden sowie gegenseitig verstärken können. Ein einfaches Addieren der einzelnen Prozentsätze ist deshalb nicht üblich.

Der im folgenden Tabellenauszug angegebene Richtwert entspricht den im Schwerbehindertenrecht für den Grad der Behinderung ausgearbeiteten Werten.

Krankheit GdB- 30 %
Totaler Haarausfall
• mit Fehlen von Augenbrauen und Wimpern
• Außergewöhnliche psychoreaktive Störungen sind ggf. zusätzlich zu berücksichtigen

Kommen andere Beeinträchtigungen wie z.B. ein Rückleiden hinzu, kann es bis zu 50 % geben. Sie haben das Recht, gegen diesen Bescheid Widerspruch einzulegen.

Abgesehen von den Vorteilen für Ihren Arbeitgeber entstehen Ihnen eine Reihe von Vergünstigungen, wenn Sie einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Da diese individuell verschieden und abhängig von der Art und dem Grad der Behinderung sind, erhebt die folgende Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Erkundigen Sie sich jeweils bei den für Sie zuständigen Stellen.

Auch wenn Sie nicht geh- oder sehbehindert sind (d.h. keine Fahrpreisermäßigung oder ähnliches erhalten), haben Sie zumindest Anspruch auf steuerliche Vergünstigungen.

• erhöhter Pauschalbetrag für Fahrten mit dem Pkw zum Arbeitsplatz;
• Pauschalbeträge nach dem Einkommenssteuergesetz;
• mögliche Beitragsermäßigung im Automobilclub;
• Gebührenermäßigung oder -befreiung bei TÜV und Straßenverkehrsamt;
• ermäßigte Kurtaxe.

Ob Sie den Schwerbehindertenausweis beantragen oder nicht, müssen Sie selbst entscheiden. Der Gesetzgeber hat mit dem Schwerbehindertengesetz Menschen, die aufgrund einer Behinderung Nachteile erleiden, die Möglichkeit geschaffen, den entsprechenden Ausgleich zu erhalten. Insbesondere beim erblich bedingten männlichen Haarausfall wird man in der Regel keinen positiven Bescheid erwarten können. Nur wer tatsächlich unter den Folgen seines Haarausfalls leidet sollte diese Vergünstigungen auch in Anspruch nehmen dürfen.

Quelle: Haar-Los, Jenny Latz, 1999

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2 Kommentare Add your own

  • 1. Melanie  |  April 3, 2017 um 10:04 am

    Dieser Beitrag ist sehr hilfreich. Wie ist das bei Personen, die keinen totalen Haarausfall habe, aber dennoch sehr stark davon betroffen sind (subtotalis)? Gilt für die der Grad der Behinderung mit 30% auch?

    Antwort
    • 2. Jenny Latz  |  April 3, 2017 um 1:01 pm

      Subtotalis heißt ja, dass der Kopf kahl ist und dafür sollte man auch die 30% bekommen. Dies ist jedoch keine rechtliche Auskunft, sondern nur meine private Meinung.
      LG
      Jenny

      Antwort

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Jenny Latz

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Haircoach, Autorin und Schönheitsexpertin

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